Wertvoll Wandeln Magazin
by Astrid Kaiser
Die Zeit zwischen den Jahren ist besonders. Wir sind im Winter angekommen und die Zeit scheint still zu stehen. Selbst wenn wir, dem gesellschaftlichen Trend folgend, einen Jahresendspurt hinlegen oder uns vom Weihnachtsstress mitreißen lassen, spüren wir die andere Qualität dieser Zwischen-Zeit.
Diese besondere Zeit, geprägt von Festlichkeit, Lichterglanz und geselligen Zusammenkünften trägt die Magie des Dazwischens in sich. Wir pendeln zwischen Aktion und KO, zwischen Abschließen und Neustart. Dabei konzentrieren wir uns oft nur auf die beiden Seiten und fühlen uns wie hin-und-her-gerissen.
Das können wir ändern, indem wir dem Dazwischen mehr Achtsamkeit schenken. Das Dazwischen ist nicht etwa die Mitte, die Hälfte oder "von Allem etwas". Es steht für sich. Ich vergleiche es gern mit dem besonderen Moment zwischen zwei Atemzügen.
Wann wir beginnen, diese Zwischenzeit zu spüren ist ganz individuell. Für mich beginnt sie Mitte Dezember. Doch spätestens und sicher am intensivsten spüren wir sie zwischen Weihnachten und den ersten Neujahrstagen. Nach heidnischem Brauchtum ist es die Zeit der 12 Raunächte. Sie beginnen um Mitternacht vom 24./25. Dezember und enden um Mitternacht vom 5./6. Januar. Zusätzlich sind die Wintersonnenwende am 21. Dezember und der 6. Januar besondere Tage, die oft in die Rituale einbezogen werden.
Die Raunächte markieren eine magische, festliche Zeit, in der nicht gearbeitet wird, die sich stattdessen der Einkehr, Ruhe und Achtsamkeit widmet. Sicher haben die wenigsten Menschen die Möglichkeit, in dieser Zeit nicht zu arbeiten. Doch lass dich davon nicht abschrecken: Es geht darum, die Arbeit wegzulassen, die auch mal eine Weile ruhen kann und stattdessen dem SEIN, dem Nichtstun Vorrang zu geben. Verrückterweise ist das wohl das Herausforderndste, wenn wir uns auf diese achtsame Zeit einlassen möchten.
Die Raunächte werden so zu einer Zäsur in der Alltagsgeschäftigkeit. Sie sind wie die Pause nach dem Ausatmen, in der wir ganz leer werden dürfen, bevor ein neuer, kraftvoller Zyklus beginnt.
Sie sind die Stunde 24/0 um Mitternacht. Sie sind der Punkt zwischen Ende und Anfang. Der Raum, in dem aus dem Nichts das Neue erschaffen wird.
In den meisten Ansätzen steht jede Raunacht für ein besonderes Thema und einen Monat des Jahres. So dienen die Raunächte dazu, sich intensiv, langsam und in Würde vom alten Jahr zu verabschieden und das neue Jahr vorzubereiten.
Sie werden RauNÄCHTE genannt, weil sie in der dunklen Hälfte des Jahres stattfinden - in der Zeit, in der die Nächte länger sind als die Tage. Die Tage sind aber genauso bedeutsam. Das ist also nicht wörtlich zu nehmen. Das RAU steht, so eine Lesart, für Rauch: denn in dieser Zeit werden die Wohnräume mit Kräutern und Harzen geräuchert, um sie feinstofflich zu reinigen und zu klären. Es könnte auch dem mittelhochdeutschen Wort rûch entstammen, das etwa »verrucht, wild, haarig, pelzig« bedeutet und die Raunächte mit den Perchtenläufen verbindet.
Wenn du mehr darüber lesen und tiefer eintauchen magst: Es gibt mittlerweile viele schöne Bücher über das Thema - auch nach individuellen Vorlieben. Hier findest du eine kleine Erläuterung zu den Hintergründen der Raunächte und meinem Weg.
Mir sind die meisten Bücher allerdings "too much". Zudem haben die ganz ursprünglichen Bräuche einige "abergläubische" Aspekte, die Druck und Angst machen können. Auch auf Instagram und Co. gibt es immer mehr Anleitungen. Allerdings, wie so oft, mit seltsamen Heilversprechen. Grundsätzlich bauen viele Anleitungen, ob in Büchern oder Social Media, oft mehr oder weniger subtil Druck durch viele, komplizierte Rituale und Reflexionsaufgaben auf. Das ist auch wieder ein Spiegel unserer Zeit...
In meinem Raunächte-Guide (siehe unten) werden bewusst keine Rituale mit festen Regeln empfohlen - du kannst aus allem frei wählen und es so ausführen, wie es sich für dich richtig und gut anfühlt! Und es wird nichts Schlimmes passieren, wenn du es nicht tust.
Ich möchte hier einen besonderen Aspekt der Raunächte in den Vordergrund stellen: in meinen Augen ihre Essenz. Sie liegt für mich in der wesentlichen Qualität des Winters: Rest & Reset. Es ist die Phase, in der alles (aus)ruht und endet - und zugleich, still und leise, in der Tiefe (aka Dunkelheit), neu beginnt. Es ist die initiale Phase im Jahreskreis.
Die Raunächte-Bräuche stammen aus einer Zeit, in der Menschen keine andere Wahl hatten, als sich der Stille und der Dunkelheit hinzugeben, weil sie ohne Elektrizität und fortschrittlicher Technik den Jahreszeiten folgen mussten. Sie haben dieser - für sie durchaus bedrohlichen - Zeit durch Rituale Tiefe und Magie verliehen, und daraus Kraft geschöpft. Heute sind wir der Natur nicht mehr so sehr "ausgeliefert". Das geht soweit, dass wir Ruhe, Besinnung und Magie sozusagen aus unserem Alltag verbannt haben. Damit sind wir über das Ziel hinausgeschossen, denn wir brauchen diese Qualitäten in unserem Leben. Nicht nur zur Erholung und zum Kräfte-Sammeln. Wir brauchen sie auch, um zu verdauen, was wir erlebt haben und um das wahrzunehmen, das man nur in Stille "hören" kann: unsere innere Weisheit.
Ohne die Not der Menschen von damals, dürfen die Raunächte auch heute noch dazu dienen, der Dunkelheit und Ungewissheit achtsam zu begegnen, das Leben und die Natur zu ehren - wenn auch mit neuen Zielen und Methoden. So mag es mehr um unser seelisches Wohl gehen, statt um einen fruchtbaren Boden. Doch daran ist nichts verkehrt. Bräuche folgen Bedarfen - darin liegt ihr Sinn. Und dass wir als Kollektiv einen besonderen Bedarf haben, unsere Innenwelt besser zu versorgen, stellt, glaube ich, niemand mehr infrage.
Am Ende des Jahres sind wir "voll". Voller Ergebnisse und Erlebnisse unseres Handelns und Nicht-Handelns, voller Eindrücke, Reize, Erfahrungen. So voll, dass es sich wie LEER anfühlen kann. Weil Zuviel zu einem Rauschen wird. Weil wir die Fülle in uns nicht mehr erfassen können. Weil wir keine Energie mehr zum Erfassen haben.
Aus dieser "überreizten und überfüllten Leere" unsere Ziele und Visionen für das neue Jahr zu erschaffen, geht selten gut. Das ist auch der Grund, warum Vorsätze und Goals oft in der zweiten Januarwoche vergessen sind, und wir uns wieder von alten Mustern bestimmen lassen, statt selbst zu gestalten. Oder warum wir wesensfremden Zielen nachjagen, die uns nicht erfüllen - uns einfach nur erschöpfen.
Das angenehme Gefühl, das eine neue Ziele-Liste fürs neue Jahr macht, ist meistens nur eine Illusion. Es ist wie Aufräumen, indem man, was rumliegt in die Abstellkammer oder den Schrank wirft: von außen ordentlich, hinter der Tür: Chaos. Und so wie wir wissen, was hinter der Tür lauert, weiß auch unsere Seele, dass hinter der Fassade eines zu flott verfassten "Mein neues Jahr" Chaos wartet.
Die Raunächte verkörpern in besonderer Weise das REST & RESET Prinzip: Durch das Innehalten kommt weniger hinzu. Stattdessen können wir, was wir (erlebt) haben, Stück für Stück - verdauen, verarbeiten, sortieren, loslassen. So entsteht Raum zum Spüren - das Ende der Leere. Und so entsteht Bedeutung - die wahre Fülle und der Stoff, aus dem wir unsere Zukunft bauen dürfen.
Ohne Ausruhen, keine Energie.
Ohne Ende, kein Anfang.
Ohne Raum, kein Wachstum.
Ohne Verarbeiten, kein Wissen.
Ohne Zuhören, keine Antwort.
Die Raunächte sind erfüllt von der Magie des Dazwischens. Sie sind ein Innehalten, ein Raum, in dem aus der Stille, dem Nichts, Möglichkeiten geboren werden. Ein Raum, in dem wir als Menschen ganz bei uns sein können. Ein Raum der Besinnung in der besinnlichen Zeit.
Loslassen und Manifestation sind irgendwie die Schlagworte geworden, mit denen die Raunächte vermarktet werden. Das verkauft sich einfach besser, weil wir Ergebnisse mögen: Loslassen macht uns leichter. Manifestation bringt uns zu unseren Zielen.
Wir können jedoch nicht einfach so loslassen. Wir halten ja nicht ohne Grund fest. Was wir unverarbeitet loslassen, verdrängen wir im Grunde. Um loslassen zu können, müssen wir uns sicher fühlen, um in der Tiefe verstehen zu können. Oft braucht es außerdem statt des Loslassens ein Annehmen.
Wir können auch nicht einfach manifestieren. Wenn wir Manifestation einmal von der esoterischen Idee des magischen Wunscherfüllens durch das Universum befreien, braucht es ein sicheres Fundament. Ich verstehe Manifestation als co-kreativen Schaffensprozess, in dem wir im Tanz mit dem Leben etwas aktiv selbst erschaffen - und zwar so, dass daraus ein für uns ein wesensgerechtes Leben entsteht. Dafür brauchen wir einen guten Kontakt zu unserer inneren Weisheit, Vertrauen und Kraft.
Die Raunächte schaffen in einer unsicheren Welt einen sicheren Raum für diese Prozesse. Es geht also eher darum, dass wir uns für den Prozess öffnen - statt nur und direkt Ergebnisse zu wollen (es ist wie im Coaching 😉).
In den Raunächten besteht der Prozess vor allem aus: Empfangen. Ja richtig verstanden. Es geht um die YIN Qualität in Reinform. Sie ist das passive Gegenstück zur aktiven YANG Qualität. Es ist die Energie des Seins, des sich Hingebens, des fließen Lassens, des Wahrnehmens - und vor allem des empathischen Zuhörens. Diese Qualität zu schätzen und zu nutzen dürfen wir alle immer wieder lernen ;-).
Statt um
geht es ums
Im Modus des Empfangens MACHEN wir nicht nur weniger. Wir lassen auch ab vom rein verstandesgeprägten Nachdenken, und öffnen uns einer tieferen, ganzheitlichen Weisheit: der Weisheit unseres Körpers, unserer Seele, unbewussten Strukturen - aber auch der Welt, dem Zwischenmenschlichen, dem Spirituellen. Wir geben in der Geborgenheit der Raunächte Kontrolle ab (die zu einem großen Teil eine Illusion ist, die uns im Alltag zwar Sicherheit und Fokus gibt, die uns aber auch manchmal zu sehr begrenzt) - und dürfen daraus Kraft und Vertrauen schöpfen.
In dieser ganzheitlichen Offenheit können wir Informationen wahrnehmen, aka EMPFANGEN, die uns für ein erfülltes und sinnhaftes Leben dienen möchten. Es sind Informationen, die im Trubel des Alltags leicht untergehen. Die vom lauten Geplapper unserer Gedanken, vom eingeschränkten Sichtfeld des Alltagstrotts, von blindem Aktionismus und ewigem "Wollen und Tun" verdrängt werden. Es sind die leisen Worte unserer Seele, die unscheinbaren oder unbeachteten Dinge, die uns umgeben. Diese Informationen können sich sowohl auf das vergehende Jahr, als auch auf das neue beziehen.
Das Innehalten und Empfangen in den Raunächten ist eine wundervolle Basis für INTEGRATION (Verarbeiten) und MANIFESTATION (Verkörpern und Erschaffen) - ein achtsames SEIN zwischen Vergangenheit (GEWESEN) und Zukunft (WERDEN).
Und das kann sich mitunter geradezu spooky magisch anfühlen: Der alte Raunächte-Brauch besagt es so, dass der Schleier zwischen den Welten in dieser Zeit dünner und der Kontakt zum Mystischen enger ist (wie zu den meisten Jahreskreisfesten) - und lädt dazu ein, Magie und das "Andere" (statt des Rationalen) zu zelebrieren. Ich kann nur sagen: das ist immer in dir. Nur darf jetzt gern eine Zeit sein, in der du es besonders spüren kannst.
Ganz einfach gesagt sind das zwei entscheidende Dinge:
Achte auf: Träume, Visionen, Ideen, Gedanken, Interessen und Gelüste, Begegnungen, Erlebnisse, Symbole, Zeichen usw. - alles was "irgendwie" in besonderer Weise mit dir resoniert.
Du musst dafür im Grunde nichts Besonderes "tun", außer offen und achtsamer durch deinen Tag zu gehen. Achtsam bedeutet, deine Wahrnehmungsantennen freizulegen. Offen bedeutet, die zu erlauben, im Alltäglichen neue Erfahrungen zu machen. Beobachte das Vertraute und Bekannte voller Neugier, so als würdest du die Dinge zum ersten Mal sehen - ohne Vorurteile, Erwartungen und einschränkendes Wissen
Die Botschaften können beim Lesen oder Film schauen auftauchen, beim Spazieren, im Museum, beim Kaffee Trinken, beim Kochen, auf der Yoga-Matte, beim absolut NICHTS tun - bei allem möglichen.
ACHTUNG: Geh bitte offenen Herzens an das Empfangen - ohne den Druck krasse Botschaften zu erhalten, riesige Durchbrüche und Erkenntnisse zu erwirken. Höre und sieh der Magie in dir und um dich herum einfach nur zu. Die Botschaften dürfen leise, zart und fein sein. Zwischentöne und radikaler Klartext - alles ist erlaubt.
Du kannst das Empfangen unterstützen, indem du:
Schreib es auf: Notiere / Male / Fotografiere, was an Botschaften resoniert (du spürst, was das ist!), auch wenn es jetzt NOCH keinen Sinn für dich ergibt oder blockierende bzw. relativierende Gedanken auftauchen. Erzwinge nichts und deute bzw. analysiere nicht sofort alles, was auftaucht. Betrachte deine Notizen einfach am Ende der Raunächte noch einmal oder im nächsten Jahr immer wieder einmal.
Oder lass einfach die Botschaften einfach unbewusst wirken. Wir müssen nicht alles verstehen, es wirkt trotzdem.
P.S.: Es bietet sich sehr an, ein kleines (Traum)Tagebuch zu führen.
In manchen Raunächte-Praktiken steht eine jeweilige Raunacht für einen bestimmten Monat. Dementsprechend können die Botschaften und Informationen dieser Tage und Nächte auf den jeweiligen Monat bezogen werden:
In der Stille und im Loslassen darf aber auch losgelöst von den Monaten aufsteigen, was gehört werden möchte - was untergegangen ist, was zu dir gehört. Dabei dürfen dir die Themen der Raunächte helfen.
Vielleicht sind es auch auch einfach Ideen für
Vielleicht entstehen auch neue Fragen (noch ganz ohne Antworten), die dich dann eine Weile begleiten und durchs Leben führen dürfen.
Beim Empfangen geht es nicht darum alles sofort zu verstehen: Darum schreib unbedingt auf, was dir in diesen magischen Tagen einfällt, begegnet, auftaucht. Manche Botschaften ergeben erst später Sinn. (Du kannst deine Raunächte-Aufzeichnen als Begleiter durch dein Jahr nutzen. Das kann sehr verblüffend sein... versprochen.)
Analysieren und für die persönliche Planung nutzen kannst du alles später noch, wenn du ganz im neuen Jahr angekommen bist.
Im Fokus dieser Wanderung durch die Raunächte stehen kleine Einheiten des Empfangens und das meditative Journaling. Nutze dazu gern den Guide und die Journal-Vorlagen, die am Ende des Artikels verlinkt sind.
verfügbar vom 20. Dezember bis Januar

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